Freitag, 24. Januar 2014

Arbeitszeiten einer ALG-II-Empfängerin als Beispiel

Parallel dazu die Meinung einer Bekannten zu Sanktionen der Jobcenter


Ich teile ja häufiger Berichte von Inge Hannemann und Katja Kippling oder etlichen Organisationen, die sich für das BGE einsetzen. Oft teile ich auch Berichte des Hartz-IV-Forums, das sich ebenfalls für die Abschaffung von Sanktionen bei ALG-II-Empfänger einsetzt.

Unlängst erklärte mir eine Bekannte, die ich bei Jappy in meiner Freundesliste habe, über ihr würde ein Mann wohnen, "der saufaul sei und solche faulen Schweine hätten es verdient, kein Geld vom Jobcenter zu bekommen." Da ich generell nicht der Meinung bin, dass man Menschen verhungern lassen sollte, habe ich in diesem Fall mal genauer nachgefragt und recherchiert.

Zuerst aber möchte ich Euch einmal erzählen, wie die Arbeitszeiten einer guten Freundin aus meiner Nachbarschaft aussehen, die genauso wie mein Mann und ich aufstocken muss (wir sind ebenfalls nicht arbeitslos, und das sind auch die wenigsten ALG-II-Geld-Empfänger, die meistens nur aufstocken).

Also diese Frau ist ca. 20 - 25 Jahre jünger als wir, nicht sehr alt, aber auf dem Arbeitsmarkt durchaus schon älter. Sie hat keine Ausbildung, weil sie als junge Frau lange ihre Mutter gepflegt hat, die sehr früh an Nierenversagen starb.

Sie verdient ihren Lebensunterhalt, indem sie 3 Jobs miteinander kombiniert, das sind 2 Jobs bei den Kieler Nachrichten, wo sie für zwei verschiedene Gebiete die Kieler Nachrichten austrägt. Da sie den Lohn für beide Gebiete zusammen versteuern und versichern kann, kommt sie damit leicht über die Nebenjob-Grenze von 450 Euro im Monat und ist somit sozialversichert beschäftigt. Um beide Gebiete austragen zu können, steht diese Frau an 6 Tagen in der Woche nachts um 3 auf und ist dann in diesen Nächten immer ca. 4 Stunden pro Nacht unterwegs, um die Zeitungen überall zu verteilen.

4 x 6 = 24 Wochenstunden für die ersten beiden Jobs

Zusätzlich übt die Frau einen Nebenjob in einem Preetzer Alten- und Pflegeheim aus, der körperlich ziemlich schwer ist. Sie arbeitet normalerweise dort jedes 2. Wochenende tagsüber, und zwar dann samstags und sonntags jeweils 8 Stunden. Das sind, weil es ja nur jedes 2. Wochenende ist, pro Woche noch einmal 8 Stunden.

24 Wochenstunden und 8 Wochenstunden sind dann schon einmal 32 Wochenstunden.

Die Tätigkeit in diesem Alten- und Pflegeheim muss die Frau mit der Steuerklasse 6 versteuern. Es bleibt ihr von ihrem Verdienst dort also nicht viel übrig.

Gelegentlich ruft das Alten- und Pflegeheim noch an, wenn Not am Mann ist. Dann arbeitet die Frau dort noch mehr auf Abruf.

Ein fester Arbeitsvertrag liegt dennoch nicht vor, sondern die Frau bekommt vom Altenheim nur Zeitverträge, hat aber erst unlängst dort eine Verlängerung um weitere 6 Monate bekommen.

Sie kann zwar einen Lohnsteuerjahresausgleich machen, aber davon hat sie nichts, denn Lohnsteuerrückzahlungen verrechnet das Jobcenter zu 100 %.

Die Frau muss trotz der Tatsache, dass sie genau genommen fast eine 40-Stunden-Woche mit wie man sicherlich sieht, sehr ungünstigen Arbeitszeiten hat, regelmäßig zu den typischen Gesprächen beim Jobcenter über ihre Bemühungen, in Arbeit zu kommen, die sie weg von ALG II bringt und die Bemühungen auch nachweisen.

Ihr Fallmanager wird übrigens nichts dafür können, der hat seine Anweisungen, die er befolgen muss.
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Nun zu der Frau, die ihrem Nachbarn so sehr gönnt, Sanktionen zu erhalten.

Er sei schlampig und würde PC-süchtig sein, die Nacht zum Tage machen und hätte sich, als er vom Jobcenter zu einem 1-Euro-Job nach Dannau geschickt wurde, da laufend krank schreiben lassen, er sei saufaul.
Dannau kenne ich über meinen Ex-Mann, der früher jugendliche Arbeitslose in Lütjenburg betreute, wo Dannau irgendwie dazu gehörte und dort gelegentlich vertretungsweise den dortigen Anleiter ersetzen musste.
Die Leute, die nach Dannau müssen, arbeiten dort im Wald, und das schwer bei jedem Wetter. Sie müssen sich vor Arbeitsantritt selbst Sicherheitsschuhe, Sicherheitshose und Sicherheitsjacke kaufen und bekommen die Sachen dann später insoweit ersetzt, dass sie 80 Euro wiederkriegen. Man bekommt allerdings für 80 Euro genau genommen keine stabile Hose und Jacke für den Einsatz als Forstarbeiter plus der dazu gehörenden Sicherheitsschuhe. Von Preetz aus liegt Dannau am A.... der Welt, und ein 1-Euro-Jobber kriegt wie der Name schon sagt, lediglich einen Euro am Tag ersetzt.
Jeder, den wir kennen, der in Dannau war, flucht ohne Ende, das wäre ein Sklavenjob.
Inzwischen wurde diese Maßnahme auch abgeschafft.

Procell in Preetz ist was ganz anderes. Da arbeitet man zwar auch im Winter in Containern, wo es zieht und so, aber das Betriebsklima ist nett und selbst der Vorarbeiter, der drogensüchtig und im Methadonprogramm ist, ist sehr umgänglich dafür, dass er eigentlich heroinabhängig ist. Der hat dort übrigens einen festen Job, kommt nur morgens immer etwas später, weil er vor Dienstantritt, damit er durchhält, seine Ersatzdroge vom Arzt braucht. Man kommt da anders als nach Dannau auch gut zu Fuß oder mit dem Rad hin.

Mehr kam von der Frau nicht über ihren Nachbarn.

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Als ich die Frau fragte, warum denn sie nicht arbeiten würde .. sie ist ca. 20 Jahre jünger als ich, kinderlos, getrennt lebend ...sagte sie, sie sei ja Rentnerin .. das kann ja einen schwerwiegenden Grund haben. Die Rente würde nicht reichen, sie bekäme Sozialhilfe dazu. Klar, das wird vielen Rentnern so gehen, ganz unabhängig davon, ob sie reguläre Rentner sind oder aber Frührente bekommen.

Sie bekommt bei näherem Forschen aber nur 40 Euro Rente. Das heißt, sie kann im Leben noch nicht viel gearbeitet haben, sonst wäre das ja mehr. Kinder hat sie nicht, die sie am arbeiten gehindert hätten.

Ich zum Beispiel habe momentan mehr als 700 Euro Rentenansprüche und Jürgen über 600. Auch das würde nicht reichen, ist ja aber schon wesentlich mehr als diese läppischen 40 Euro.

Warum kriegt die Frau Rente? Sie war Valium-abhängig, ist psychisch krank. Heute bekommt sie diverse Medikamente vom Arzt, war auch in Therapie, lebt aber nach wie vor nicht ohne massenhaft Tabletten, auch ähnlichen Substanzen dabei wie Valium eine ist, nämlich starken Beruhigungsmitteln.

Ich würde jetzt nicht behaupten wollen, dass man sie sanktionieren und verhungern lassen sollte. Es wird einen Grund geben, warum die Frau drogensüchtig und arbeitsunfähig ist, obwohl das Beispiel des Vorarbeiters bei Procell zeigt, dass auch Drogensucht nicht immer ein Grund sein muss, keinen Job zu haben, aber der Mann dürfte schon eine Ausnahme unter den Drogensüchtigen sein.

Dennoch sage ich in tiefster Überzeugung, wer so kapputt ist, sollte sich hüten, anderen Menschen wie in ihrem Fall dem Nachbarn, der keinen Bock auf Dannau hatte (falls er nicht wirklich krank gewesen ist, was beim Einsatz als Waldarbeiter bei jedem Wetter so unmöglich in meinen Augen nicht ist, wenn man diese Arbeit nicht gewohnt ist), zu wünschen, dass er sanktioniert wird und nicht mehr weiß, wie er überleben soll.
Denn wer selbst so kapputt ist, hat wirklich kein Recht, noch mit dem Finger auf andere Menschen zu zeigen, die alleine schon aufgrund der Tatsache, dass sie beim ALG II nicht ausgesteuert wurden, ganz sicher ab und zu arbeiten werden und nur wie unendlich viele Menschen vermutlich nicht regelmäßig, nicht gut bezahlt und nicht mit einem unbefristeten Arbeitsvertrag, der heute auch sehr schwer zu kriegen ist.

LG
Renate

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