Samstag, 19. Oktober 2013

It's time to say good-bye

Wenn Loslassen plötzlich von selbst passiert

Ein Bild von einem wunderschönen Restsommer 2012 in einem neuen Stall, an den wir beide sicherlich gern einmal zurückdenken werden. Alles, was dort danach kam, wird allerdings nicht mehr zu den Dingen gehören, an die wir beide gern zurückdenken werden.

Jürgen und ich gehören vermutlich beide zu den Menschen, die ausgesprochen bindungsfähig und identifikationsfähig sind. Ob Partner, Familie, Freunde, Nachbar, Arbeit oder die Menschen, mit denen man ein Hobby teilt, ja heißt bei uns allen beiden im Allgemeinen durchaus ja für immer, wenn es möglich ist. So war das auch mit dem Stall, in dem wir uns zu Beginn wirklich angenommen und wohl gefühlt haben.

Aber manchmal ist es so, dass man auch etwas, mit dem man sich zuerst sehr identifiziert hat, binnen dem Bruchteil einer Sekunden ganz plötzlich loslassen kann und einen anderen Weg einschlägt, weil es einfach besser ist.
Hier erlebte Jürgen an diesem Tag den ersten Galopp auf unserer Chiwa, die nun bereits seit 2004 rehefrei und wieder reit- und sogar belastbar war.
Und nur wenige Wochen später kam sie nachts in den Stall und es dauerte nicht lange, bis sie wieder Hufrehe hatte.

Natürlich wollten wir beide noch gern daran glauben, dass nur ein schlechter, regenreicher Sommer schuld an den Problemen mit Schimmel in der Heulage war, wer nimmt sich schon gern die Illusion, endlich mit den Pferden ein Heim gefunden zu haben, zumal die Menschen dort ja alle so nett sind.
Oft habe ich halbherzig bei ebay schon die Kleinanzeigen für Ställe durchgeschaut. Ich erlebte, dass mehrere unserer Miteinsteller gingen. Wir blieben aber. Wirklich intensiv habe ich eben doch nicht gesucht, nur immer ab und zu schon enttäuscht geschaut, aber ohne wirklich losgelassen zu haben.
Als wir im Sommer so viel schönes Heu auf den Weiden liegen hatten, dachten wir, das wird schon werden, der Winter ist gerettet, diesen Winter wird sicher nichts Schlimmes mit den Pferden passieren. Aber weit gefehlt, und nun komme ich zum Loslassen.
Ich habe in den letzten Monaten immer wieder über viele verschiedene Probleme und Konflikte berichtet. Heute morgen nun saßen Jürgen und ich am Frühstückstisch zusammen, nachdem wir gestern nach dem Besuch im Stall beide weder arbeiten noch zunächst schlafen haben können. Jürgen hat sich verzweifelt versucht, mit seinem WOW-Spiel von den Sorgen abzulenken, ich habe stundenlang planlos nach Informationen darüber gesucht, wie man Heulage macht und welche Fehler zu Schimmelbildung dabei führen. Nachts um zwei habe ich begonnen, noch zwei Aufträge zu bearbeiten und morgens um vier saßen Jürgen und ich immer noch gemeinsam bei einer Tasse Tee, weil keiner von uns Schlaf fand.
Heute morgen wachten wie bleiernd müde auf und ich fragte Jürgen, was er wirklich denken würde und er sagte mir, wir müssen da weg. Ja das dachte ich auch, auch wenn ich gestern Abend noch lange mit einer der Schwestern aus dem Stall telefoniert habe und sie mir versichert hat, sie würde gut aufpassen.
Es war immer sehr schön, dass unser Hund sich auf dem Hof so wohl fühlte. Aber das ist nun einmal nicht alles im Leben, worauf es ankommt.
Ich fragte Jürgen, wann er innerlich auf Wiedersehen gesagt hätte, und er sagte, als unser Bauer gestern erzählt hat, er hätte 50 Ballen unseres guten Heus verkauft und die Pferde könnten ja die Heulage vom Vorjahr und auch die neue aus Oktober fressen, für Chiwa sei auch ein bisschen Heu da.
Ich sagte, ich hätte mich innerlich in der Sekunde vom Hof verabschiedet, als mir der Bauer hat weißmachen wollen, Schimmel unter der Folie sei ein Zeichen für gute, da zuckerarme Heulage, während er einen total verschimmelten Heulageballen vom Vorjahr auspackte und zum Verfüttern in den Gang stellte.
Loslassen, das ist als ob man einen Schalter umlegt und plötzlich ganz frei ist .. ich kenne dieses Gefühl von dem Moment, als ich nach mehr als 40 Jahren meinen Ex-Mann los ließ, weil ich begriff, ich sollte jetzt alleine meinen Weg weitergehen, ohne ihn. Es gut mir leid um die beiden Frauen, es tut mir leid um die Herde, um die Jürgen und ich uns nun sehr lange so denke ich recht gut gekümmert haben, um die Stunden zu überbrücken, wo sonst keiner da war und auch später keiner da sein wird, es sei denn, wir kriegen Nachfolger, die diese Aufgabe übernehmen werden.

Heute haben Jürgen und ich gemeinsam die Anzeigen durchgesucht und uns bereits etwas angesehen, von dem ich glaube, es könnte etwas werden und auch ein guter Platz für die beiden sein. Wieder ein Umzug, wieder nicht wissen, ob sie Hänger fahren werden oder wir wieder mehr als 10 km Fußweg, und das sehr weit an einer stark befahrenen Straße, werden zurücklegen müssen. Und trotzdem noch einmal den Mut haben, es doch zu tun, denn so kann es nicht weitergehen.

Selbst wenn es morgen nichts werden sollte .. aber das glaube ich nicht, habe ein gutes Gefühl ... it's time to say good-bye.
Als wir nach dem ersten Schauen im anderen Stall zu den Pferden kamen, waren die Boxen für den Winter fertig eingestreut, beide Schwestern im Team dabei, gerade die Tiere reinzuholen, was ich bisher noch nie erlebt habe, dass sie so Hand in Hand arbeiten.
Mein Telefonat gestern hatte vielleicht Wirkung, trotzdem sind Jürgen und ich einig, es kann nicht gut gehen, weil unser Bauer unser Winterheu verkauft hat, auch wenn die Vorsätze es gut zu machen, bei den beiden Frauen ganz sicher da sein werden.
Ich weiß nicht, wie ich ihnen das sagen soll und der Jürgen sicherlich erst recht nicht.
Aber es wird sein müssen, umso früher, desto besser, damit unsere beiden in Sicherheit sind und für den weiten Weg hoffe ich einfach, dass wir wieder einen guten Schutzengel haben werden.

LG
Renate

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