Dienstag, 3. Juni 2014

Bilanz – mein Leben in einem kapitalistischen Land - Teil 7

Sozialhilfe, eine erste sinnlose Weiterbildung und der letzte Versuch, unsere Ehe zu retten



Es war Dezember im Jahr 1999, als ich mit Marius nach Preetz zog. Schon damals hatte Vanessa plötzlich die Idee, Chiwa getrennt von Nixe und Reno mit dem Pferd ihrer Schwägerin gemeinsam in einen anderen Stall zu stellen. Ich begriff nur noch nicht, warum sie das erwähnte. Es kam aber nicht dazu, denn Esther und ich fanden in Scharsdorf einen Offenstall, wo Platz für alle drei Pferde war und Vanessa kam dann auch mit.

Das Verhalten ihres Mannes Timo allerdings wurde nun nach meiner Trennung von meinem Ex-Mann immer krasser. Er grüßte uns nicht mehr, wenn wir uns im Stall in Scharsdorf alle trafen, um gemeinsam mit den Pferden zu arbeiten. Ich werde hier jetzt wörtlich erzählen, wie ich darauf dann nach einigen Tagen doch recht drastisch reagiert habe. Als er wieder nicht reagierte, als ich fröhlich guten Morgen sagte, rief ich laut: „Guten Morgen Timo, Du Arschloch.“ Das hörten alle im Stall, sollten sie auch. Ich betone nochmal, ich habe diesen Streit mit diesem Mann nie begonnen, es war von Anfang an er, der feindselig, unhöflich und einfach boshaft gegenüber mir und auch gegenüber meiner Mutter war und alles tat, um Vanessa von uns zu trennen. Deshalb hatte er auch eines unserer Familienpferde, nämlich Chiwa, die damals überwiegend von Vanessa geritten wurde, von der Herde trennen wollen.

Und ich betone noch einmal. Ich habe jedes dieser Pferde und auch alles, was in Depenau für sie gebraucht worden ist bis hin zum Stall, einmal selbst finanziert und immer gesagt, es sind unsere Pferde, also die der ganzen Familie. Dass ich hätte mit der eigenen Familie Verträge machen müssen, auf diese Idee bin ich als Mutter wirklich nicht gekommen, denn bevor meine Schwiegersöhne aufgetaucht sind, habe ich mich mit meinen Töchtern ja sehr gut verstanden und nie geahnt, wie die sich einmal von ihren Männern verhetzen lassen würden.

Nach einem Gespräch beim Arbeitsamt bekam ich damals die Auskunft, ich könnte eine Weiterbildung machen, weil ich in meinem erlernten Beruf als Industriekauffrau ja viel zu lange raus sei. Ich fragte, ob es möglich sei, aufbauend auf meinem Psychologiestudium die Erzieher-Schule besuchen zu dürfen. Das wurde prinzipiell nicht abgelehnt. Nicht möglich wäre es gewesen, weiter zu studieren, weil ich ja noch unterhaltsberechtigte Kinder hatte und die alleine keine Sozialhilfe bekommen hätten, aber eine Mutter mit Sozialhilfeansprüchen für eine Familie damals nicht hätte studieren dürfen und Bafög gab es auch bei getrennt lebenden Frauen nur für sie selbst, aber nicht für die Familie.

Der Sachbearbeiter beim Arbeitsamt redete mir damals allerdings ein, es gäbe bei der Grone-Schule in Plön einen ganz tollen Aufbaukurs, der mich in meinem Beruf als Industriekauffrau wieder fit machen würde. Da wäre ich schneller fertig und würde nach nur einem Jahr der Weiterbildung doch wieder die Chance haben, in den Beruf zurückzukommen. Ich war so blöd und ließ mich darauf ein.

Ich belegte die Kurse Finanzbuchhaltung, Lohnbuchhaltung, Word, Excell und Wirtschaftsenglisch. Was wir dort lernten, war ein Witz. Vor allen Dingen der Kurs in Wirtschaftsenglisch wäre für mich sehr wichtig gewesen, aber die Lehrerin, die es unterrichtete, konnte kaum Englisch. Sie war gelernte Altenpflegerin und hatte in nur einem Jahr auf der Inlingua-Schule die Sprachen Spanisch, Französisch, Italienisch und Englisch in einem Crash-Kurs gelernt, überall natürlich nur ein Grundwissen, das weit niedriger lag als die Englischkenntnisse aller ihrer Schüler, die von ihr hätten was lernen wollen, aber so ihr etwas beibringen konnten. Wir beschlossen, dass dieser Englisch-Kurs aus der Bewertung raus käme, denn wie hätte diese Frau uns zensieren wollen? Die konnte doch gar kein Englisch.

Im Fach Finanzbuchhaltung lernten wir am meisten von dem Ex-Hauptbuchhalter der Fa. Schön, die inzwischen pleite gegangen war. Der musste mit über 60 noch diese für ihn komplett sinnlose Weiterbildung mitmachen, trug das mit Humor und erklärte uns viel. Viel genutzt hat uns das trotzdem nicht, denn wir wurden sowohl in Finanzbuchhaltung als auch Lohnbuchhaltung in KHK unterrichtet, obwohl auf dem Markt längst offene Stellen als Voraussetzung Kenntnisse in SAP forderten, weil die meisten Firmen dabei waren, das veraltete KHK abzuschaffen.

Es gab bereits das Internet, aber wir lernten nichts darüber. Auch unsere Kurse in Word und Excel liefen mit vollkommen veralteten Windows-Programmen. Es gab längst andere.

Ich absolvierte diese Weiterbildung mit 3 x einer Eins und 1 x einer Zwei, also guten Noten, wobei es keine 4 in diesen Kursen gab, sondern ab da nur noch ein Teilgenommen und schlechte Noten ohnehin nicht. Dass einen bei solchen Kursen niemand einstellt, wenn man sich mit so einem Zeugnis bewirbt, verwundert sicherlich niemand. Gute Noten in solchen Kursen sind nichts wert, denn schlechte gibt es nicht. Außerdem weiß jeder Arbeitgeber, dass die Computerprogramme der Arbeitsämter vollkommen veraltet sind und viel Einarbeitungszeit nötig ist, um derartige neue Mitarbeiter wirklich einzuarbeiten.

Der einzige Job, den ich nach diesem Kurs dann fand, war ein Nebenjob in einem Call-Center in Schellhorn, wo ich Zeitungsabos für die Frankfurter Rundschau verkaufte. Wir verdienten sehr wenig, was nicht die Schuld unserer Chefin war, denn sie selbst, die auch noch Call-Center-Agents für den Vertrieb der Kieler Nachrichten beschäftigte, wo ich aber nicht eingesetzt war, wurde von beiden Zeitungen auch so knapp bezahlt, dass sie uns gar nicht mehr hätte zahlen können.

Nun aber ein paar Monate zurück. In Preetz besuchte uns mein Ex-Mann laufend. Esther zog von der WG, wo sie zuerst lebte, dann zu ihrem Ex-Freund Björn und seinem schwulen neuen Partner, was auch nicht lange gut ging und kam dann zu meiner Mutter in die Nachbarwohnung.

Ich lernte nur schriftlich einen Uli kennen, mit dem ich heute wieder bei Facebook Kontakt habe. Uli hatte über seinen Knabstrupper Charmeur eine sehr drollige Kontaktanzeige in einer Reiterzeitschrift aufgegeben und so „schrieben sich eine Weile unsere Pferde Reno und Charmeur“ drollige Briefe und schließlich telefonierte ich auch öfter mit Uli, der aber wollte, dass seine neue Freundin zu ihm nach Ostfriesland ziehen sollte. Das wäre für mich aufgrund meines engen Kontakts zu unseren Kindern undenkbar gewesen. Ich wäre damals nie so weit von ihnen weg gezogen und hatte gar nicht vor, Uli persönlich kennenzulernen und es mehr als Freundschaft werden zu lassen.

Mein Ex-Mann ging bei uns ein und aus und als ich einmal mit Uli telefonierte, kam er mit seinem Zweitschlüssel abends in unsere Wohnung und bekam das mit. Rasend vor sinnloser Eifersucht schlug er auf mich ein und mein Sohn Marius ging damals dazwischen und schlug wiederum um mir zu helfen, seinen Vater und sagte zu ihm: „Wenn Du meine Mutter noch einmal schlägst, dann bringe ich Dich um.“ Das setzte meinem Ex sehr zu. Er weinte sehr und fragte uns: „Bin ich denn so ein schlechter Mensch?“ Er hat mich danach nie mehr selbst geschlagen, nur noch sehr oft so randaliert und Möbel und vieles mehr zertrümmert, wenn er wieder die Nerven verlor.

Unser gemeinsames Weihnachtsfest damals brachte den Bruch mit Timo, und das kam so:

Auch meine verstorbene Mutter war nicht immer ein Engel. An Heiligabend 1999 fuhr sie mich zunächst nachmittags wegen meiner Kleidung an und erzählte mir, ich würde mich unvorteilhaft anziehen. So wie ich aussähe, sei es ja kein Wunder, dass mein Ex mich betrügen würde. So etwas sollte eine Mutter nicht zu ihrer Tochter sagen. Meine Mutter war immer so eingestellt, mal meinen Ex nicht haben zu wollen und dann wieder doch. Vielleicht hätte ich mich ohne ihre Einmischung viel eher von ihm getrennt, denn wütend war ich oft auf meinen Ex, aber ich glaube, meiner Mutter war auch klar, dass nicht jeder Mann bereit wäre, auch mit ihr zusammenzuleben und darauf kam es ihr ja immer an, von mir mit versorgt und betüdelt zu werden. Meine Mama liebte mich schon, aber auch immer auf eine sehr egoistische Art und Weise, indem sie sich komplett an mich anklammerte und gar kein eigenes Leben führte.

Andererseits hatten wir laufend Stress wegen der Katzen, die meine Mutter nie raus lassen wollte und krankhaft darauf achtete, dass die Tiere ständig in der Wohnung waren. Meinen Hund wiederum mochte sie nicht. Sie hat bis zuletzt jeden meiner Hunde, wenn sie ihn erwischte, getreten und geschlagen, sogar noch mit ihren Krücken, wenn sie damit weit genug ausholen konnte. Nur Boomer, unser letzter Hund, den wir heute noch haben, hatte Glück, dass meine Mutter zu alt war, um ihn noch misshandeln zu können.

Und Monti war sehr krank geworden. Er litt am Cushing Syndrom und war nicht mehr immer stubenrein. Am Heiligen Abend 1999 hatte er in ich betone meiner Wohnung wieder auf den Flur gepinkelt, als meine Mama rüber kam. Wie eine Furie ging sie mit den Füßen auf den Hund los, schlug und trat das arme hilflose alte Tier, der danach nur noch wenige Monate gelebt hat, bis er vor Schwäche starb. Ich wurde sehr wütend, hatte ja bereits zuvor von ihr diese Anfuhr wegen meiner Kleidung bekommen und habe ihr einfach eine runter gehauen, weil es zu viel wurde.

Daraufhin rief sie Vanessa an und erzählte ihr, ich hätte sie geschlagen, aber nicht warum und dass dies wirklich als Notwehr zu sehen ist, denn ich tat das, um sie daran zu hindern, meinen armen Hund noch mehr zu misshandeln, weil sie nicht aufhören wollte. Abends bei unserer Feier in der Wohnung meines Ex tauchte dann Vanessa mit Janin zunächst nicht auf und als wir sie anriefen, sagte sie, wegen des ständigen Streits zwischen meiner Mutter und mir würde Timo nicht mehr zu uns mitkommen wollen. Sie kam dann alleine und das auch noch einige Jahre, aber Timo hatte endlich, was er wollte, einen Grund nicht mehr zu Besuch zu kommen und weiter zu hetzen.

Und meine eigene Mama hatte sich damit das Eigentor geschossen, das sie sicher nicht haben wollte, nämlich einen abrupten Abbruch des vorher regelmäßigen Kontakts zu ihrer Lieblingsenkelin Vanessa, die ab da nur noch selten zu Besuch kam und die wir nur noch heimlich haben besuchen können, wenn Timo nicht zu Hause war.

Sie lief allerdings damals noch oft mit Vanessa zu Fuß bis nach Scharsdorf in den Stall, wenn ich bei der Grone-Schule war. Sie erzählte mir oft, dass sie Vanessa immer erzählen würde, sie solle sich ihren Familienast nicht absägen lassen, weil sie fühlte, wie sehr Timo sich wünschte, Vanessa würde keinen Kontakt mehr zu ihrer eigenen Familie haben.

Mir war klar, dass Vanessa log, wenn sie sagte, Timo würde wissen, wenn wir uns getroffen haben. Es war mir auch klar, dass diese heimlichen Treffen ein Ende finden würden, sobald Janin so gut sprechen konnte um später ihrem Vater zu erzählen, sie wäre mit ihrer Mama bei Oma, Opa, Marius und Uroma gewesen. Ich sprach auch Vanessa darauf an, was ein Enkelkind von mir denken sollte, dessen Vater die eigene Oma auf der Straße nicht grüßen würde, dass es doch klar sei, dass dieses Kind mich später ablehnen müsste, wenn es solch paradoxe Verhaltensweise begreifen und sich schließlich für eine Seite entscheiden müsste, was bei einem kleinen Kind sicher nur das Elternhaus sein kann, von dem es ja abhängig ist. Vanessa widersprach, und auch damit log sie.

Mein Ex wiederum muss sich in dieser Zeit mit seiner Freundin Helga zerstritten haben, denn plötzlich bekam ich einen seltsamen Anruf von ihm, ob ich denn nicht einmal allein zu ihm frühstücken kommen könnte, denn seine Freundin Helga sei ja so gehemmt. Diese Aufforderung war sehr eindeutig. Ich war nach wie vor damals nicht fertig mit meinem Ex und ging hin. Es war im Nachhinein betrachtet ein großer Fehler. Marius fand es nicht gut, dass ich mich wieder mit seinem Vater vertragen habe und sagte das auch sehr deutlich. Ich hörte nicht auf meinen kleinen Sohn und beschloss, dass wir wieder zusammenziehen sollten. Wir fanden dann zum 1. Januar 2000 eine gemeinsame Wohnung in Pohnsdorf, wo wir auch ein Kinderzimmer für Esther einrichteten, die inzwischen schwanger war und bei dem Vater ihres Sohnes Robert wohnte.

Robert war nett, aber es war klar, dass er ein Alkohol- und Drogenproblem hatte. Ich half Esther, seine Wohnung aufzuräumen, als sie bei ihm einzog. Esther war nie ein Putzteufel und ich bin das auch nicht, aber diese Unordnung war selbst ihr zu viel. Ich dachte, als wir gemeinsam die vielen Weinflaschen zum Glascontainer brachten, die er in der Küche angesammelt hatten, oh je der Junge ist zwar sympathisch, aber der hat ein ausgewachsenes Problem mit Alkohol.

In Scharsdorf hatten wir mit unseren Pferden binnen vier Wochen den Stall gewechselt, denn der Offenstall, wo wir zuerst landeten, war nicht gut, die Heulage vergammelt, es gab zu wenig Futter und keinen Auslauf für die Tiere. Die Nachbarn waren besser, aber von gut weit entfernt. Sie schlugen ihre Kinder vor unseren Augen und auch wenn genug Heu und Stroh da war, sie zäunten nie den Reitplatz ein und es war vieles nur eine einzige Baustelle. Direkt neben dem Putzplatz stand monatelang eine Fensterscheibe. Ähnliche Unfallgefahren gab es dort viele.

Als nach etwas über einem Jahr dort Esther und ich dann miterlebten, wie die Bäuerin ihre eigene Stute, weil sie lahmte, mit einer Mistforke misshandelte, war es genug. In Pohnsdorf gab es einen Reitstall und wir fragten spontan, ob wir dort hin könnten. Das ging von einem Tag auf den anderen, aber Vanessa wollte nicht mit und mit Chiwa in diesem Stall bleiben. Sie blieb dort auch eine Woche mit Chiwa und würde später länger ein anderes Pferd, den dann neu gekauften und später auch wieder verkauften Wallach Silas, dort trotz dieser Zustände unterstellen, weil ihr diese Leute trotz dieser Eigenschaften sympathisch waren oder ihrem Mann ??? Ich setzte mich dann durch und bestand darauf, Chiwa kommt zu uns. Sie hätte Chiwa mit Janin jederzeit so oft sie wollte reiten und nutzen können, aber dort ließ ich Chiwa nicht und auch nicht in der Obhut von Timo, von dem ich annahm, er würde Chiwa früher oder später verkaufen, wenn es finanzielle Probleme gäbe.

Da er später für Vanessa Silas kaufte und schnell wieder verkaufte, war diese Einschätzung auch richtig. Die Käuferin von Silas kündigte übrigens als erstes den Stall in Scharsdorf aufgrun der Zustände dort. Ich habe sie später kennengelernt und sie hat mir das erzählt. Dass Chiwa noch heute bei mir ist, liegt daran, dass ich damals hart blieb. Timo ging es immer nur darum, Vanessa von ihrer Familie zu trennen, und das Pferd von der Herde zu trennen, war für ihn ein gutes Mittel, um diesen Zweck weiterzuverfolgen. Obwohl Vanessa nun in
Silas ein anderes Pferd hatte, kam sie uns aber noch oft in Pohnsdorf besuchen.

Aber auch in Pohnsdorf konnten wir nicht lange bleiben. Das lag dieses Mal an unserem Vermieter und den Gesetzen über Eigenbedarf, die es in Deutschland gibt. Wir hatten in Pohnsdorf in einem alten Reetdachhaus eine Einliegerwohnung gemietet. Es gab auch keine Mietschulden oder dergleichen. Die Familie war eine, die aus Sozialpädagogen bestand. Es ist möglich, dass die Leute mit einem Nachschlüssel in unserer Abwesenheit auch in unserer Wohnung rum gekrochen sind und unsere Aktenordner durchwühlt haben. Es kann aber auch sein, dass mein lieber Schwiegersohn oder meine eigene Tochter beim Ex-Vermieter meines Ex viel aus unserem Leben geplaudert haben könnten, denn mein Schwiegersohn hatte doch tatsächlich mal vorübergehend für ca. ein Jahr dort einen Job als Tischlerhelfer, wo mein Ex auch damals eine Wohnung gemietet hatte.

Nun erzählte ich recht unschuldig, als mein Ex nach einem langen Praktikum als Fahrer für Autotransporte wie es meistens so ist, natürlich nicht fest übernommen wurde, diese Firma hätte ihn nur monatelang ausgenutzt, unbezahlte Überstunden machen lassen und so weiter. Es war halt einer der tollen Jobvermittlungsangebote seitens des Arbeitsamtes, das schon damals unbezahlte Arbeitskräfte an Firmen vermittelte, die eben kostenlose Mitarbeiter suchten, die das ja machen mussten. Ausbeutung pur eben.

Es war ein absoluter Scheiß-Job gewesen. Tagelang weg von zu Hause, Essen an der Autobahn, soziale Kontakte nur übers Handy möglich, Fahren mit oft einer zweiten Tachoscheibe, also dem Zwang, etwas gesetzlich Verbotenes zu tun, und meiner Angst, mein übermüdeter Mann würde dabei womöglich mal einen tödlichen Unfall bauen. Aber sowas kriegt man eben heute vom Arbeitsamt oder wie es sich jetzt nennt, Jobcenter geboten. Das war auch damals schon im Kommen und an der Tagesordnung.


Aber für unseren Vermieter sah es halt so aus, dass mein Mann viel Arbeit hätte und nun war er zu Hause. Er hat sich dann, als Hansi nun erstmal zu Hause war und eigentlich wieder nebenberuflich Taxi fahren konnte, also wir sogar besser da standen als vorher, wohl auf einem Treffen der Vermietervereins mit dem Chef meines Schwiegersohns, der eben Hansis letzter Vermieter der Wohnung in der Gasstraße gewesen war, unterhalten. Der hat ihm dann berichtet, dass unsere Bonität gleich null sei und so erklärte uns unser Vermieter in Pohnsdorf, er würde uns kündigen, wir müssten binnen eines Vierteljahres raus und da wir uns kurz vorher mal in Boksee eine Wohnung auf einem Resthof mit Weide und Boxen angeschaut hatten, die ich aber nicht hätte mieten wollen, weil mir der Bauer dort gar nicht gefallen hatte, die Bäuerin aber bei ihm angerufen hätte, wer wir seien, dass er der nun erzählt hätte, wir seien tolle Mieter und wir könnten dort einziehen und sollten das auch tun, denn er könnte uns binnen drei Monaten auf die Straße setzen, weil es für Einliegerwohnungen in Einfamilienhäusern keinen Kündigungsschutz geben würde.

Ich ermittelte dann entsetzt, dass der Mann damit Recht hatte. Man sollte also nie so eine Wohnung mieten, denn unser Rechtssystem schützt Mieter solcher Einliegerwohnungen in keiner Weise vor der Willkür solcher Vermieter.

Wir hatten auf dem Hof in Boksee auch wegen einer Einzelwohnung für meine Mama gefragt, denn laut Sozialamt hätten wir sie nicht in unserer Wohnung aufnehmen können, ohne dass sie finanzielle Abzüge von 20 % ihres Regelsatzes hätte. Es gab dort eine Wohnung für meine Mutter, eine für uns mit Platz für unseren zukünftigen Enkel und eine Besucherecke für unsere Tochter und den Papa ihres Kindes, Weideland und Stall für unsere Pferde und sogar einen Schuppen für die Oldtimer meines Ex-Mannes, der sich ja mit Manuel damals zerstritten hatte und seine Autos nach wie vor sehr teuer alle einzeln sonstwo stehen hatte. Ich hatte wie gesagt ein schlechtes Bauchgefühl dabei, aber so zogen wir denn alle um inklusive der Pferde, und zwar zum 1.10.2000 auf diesen Hof nach Boksee.

Unsere beiden Nebenjobs, Taxifahren bei meinem Ex und Call-Center bei mir, lohnten dort noch weniger, weil es recht weit zu fahren war, um nun diese Tätigkeiten auch auszuüben, die ja alles andere als gut bezahlt wurden.

Ich beantragte erstmalig eine Pflegestufe für meine Mama, die aber abgelehnt wurde, weil nur ihre Demenz damals nicht anerkannt wurde und sie körperlich ja noch nicht sehr gebrechlich war. Zunächst allerdings sagte niemand etwas dagegen, dass sie dort direkt neben uns auf dem Hof eine eigene Wohnung bezog, wo ich sie gut drin versorgen konnte.

Noch Ende September kurz vor diesem Umzug wurde am 22. September 2000 dann Raphael, unser Enkel von Esther und Robert geboren. Wir freuten uns sehr über den Kleinen, den uns Esther von Anfang an auch viel ließ, denn Robert und sie hatten gern mal frei, wenn Oma und Opa auf den Lütten aufgepasst haben. Die Ausbildung als Erzieherin unterbrach Esther zunächst in der Mutterschaftszeit, war aber trotzdem wegen der Pferde jeden Tag mit dem Kleinen bei uns.

Wie es in Boksee weiter ging, darüber werde ich dann im nächsten Teil berichten.

LG
Renate

Die vorherigen Teile meiner Biografie Bilanz findet Ihr am Ende des folgenden Links:


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