Freitag, 31. August 2012

Tod im Nobel-Seniorenstift

In meinem Kopf befindet sich gerade ein Knoten, bestehend aus lauter Fragezeichen. Die Umstände um den Aufenthalt und Tod von Jürgens Mami in einem Seniorenstift bringen mich immer mehr ins Grübeln, je länger ich darüber nachdenke,was ich heute alles erfahren habe.
Der Streit von Jürgen und seiner Mami vor 4 Jahren hatte den triftigen Grund, dass seine Mami am Telefon gesagt hatte, sie würde die Bankvollmacht für ein Konto über 80.000 Euro ihrer Nichte Bärbel zu übertragen, dass laut Absprache von Jürgens Papa, ihr selbst und Jürgen zunächst einmal für alle Notfälle für die Mami selbst mit einer Vollmacht für Jürgen bleiben sollte und wenn nicht alles gebraucht würde für Lilo, wäre der Rest eben irgendwann für Jürgens Lebensabend auch noch da. Ich habe damals verstanden, dass Jürgen wie das HB-Männchen durch die Decke ging und wäre bei so einer Aktion meiner Mama sicher auch vor Wut explodiert. Andererseits war mir klar, dass die Bärbel es ausnutzte, dass Lilo zunehmend dement wurde und damit leicht zu beeinflussen war. Wir gingen allerdings davon aus, dass Bärbel sich um Lilo kümmern würde, auch noch, als schließlich meine letzte Post an Lilo als nicht zustellbar zurück kam.
Als dann am Mittwoch der Anruf kam, dass schon heute die Beerdigung sei, war uns klar, Bärbel kümmert sich nicht mehr um Lilo und ich ahnte bereits, dass wir alleine bei Lilos Beerdigung sein würden, aber es kam noch schlimmer, als ich befürchtet hatte.
Eine kurze Rede vor der Tür der Kapelle war alles. Es war keiner von Lilos Familie da und wir wären ja auch fast nicht gekommen, haben es nur knapp erfahren, nur eine Mitarbeiterin des Seniorenstifts stand mit Blumen neben uns. Die machte uns die zunächst erfreuliche Mitteilung, Jürgens Mama wäre mitten im Ballspiel tot umgefallen, aber auf weitere Fragen reagierte die junge Frau äußerst verhalten und ich hatte das Gefühl, es gefiel ihr gar nicht, dass wir gern nun mehr im dem Heim erfahren wollten, in dem Lilo zuletzt gelebt hat. Sie erzählte was von einer Betreuerin, die mehr wissen könnte und die Sekretärin im Heim dann, dass die Pflegerin mehr wissen würde als die Betreuerin, die Lilo erst kürzlich bekommen hätte .. warum überhaupt, das ist eines der vielen Fragezeichen,die ich gerade habe, aber das erste zeige ich Euch als erstes.
Lilo und Jürgen im Sommer 2007 am Grab von Jürgens Vater. Ich hatte mich bereits gefragt, warum Lilo nicht als Urne in dieses Grab gekommen ist. Das wäre sicher ihr Wunsch gewesen. Aber obwohl Jürgens Vater noch längst nicht 25 Jahre tot ist, sondern erst 10 Jahre dort begraben war, war das Grab heute verschwunden. Schaut mal.
Da steht Jürgen ratlos direkt auf dem ehemaligen Grab seines Papas ... und seine Mama wurde mitten auf einer Wiese begraben, von der wir vermuten, es wird dort später nur Rasen bleiben. Ihr Streit damals mit Jürgen hatte den Ursprung in ihrer Befürchtung, wir könnten sie nicht standesgemäß begraben und Bärbel könnte das vielleicht eher ... das Sozialbegräbnis meiner Mutter war aber wesentlich standesgemäßer als das Begräbnis, was Lilo jetzt bekommen hat und das Grab ihres Mannes ist ebenfalls einfach weg, so dass ich schon überlege, ob man nicht für alle drei symbolisch bei meiner Mama etwas aufschreiben könnte, weil da jedenfalls ein Ort ist, wo man etwas hinstellen kann.
Ich hatte durch die Pflegekraft, die bei der Beerdigung war, erfahren, dass Lilo von sich aus in das Seniorenstift ging. Also wird das mit der Bärbel wohl nicht geklappt haben. Ich habe Lilo zigmal geschrieben, sie soll endlich an Jürgen schreiben, dass es ihr leid tut, denn würde er auch sicher wieder ans Telefon gehen, aber möglicherweise war Lilo schon zu hilflos zum Briefe schreiben.
Zu diesem Stift habe ich deren Homepage gefunden.
http://www.paulus-stift.gesambh.de/
http://de.wikipedia.org/wiki/Modell_der_f%C3%B6rdernden_Prozesspflege
Sie pflegen dort nach dem Modell von Monika Krohwinkel, nach dem der Individualität der Pflegebedürftigen viel Raum gegeben werden soll und nur fördernd geholfen.
Ja warum hilft man einer Frau, die ihren Mann abgöttisch geliebt hat nicht, dass sein Grab beispielsweise durch einen Dauerauftrag einer Gärterei in Ordnung bleibt und hilft ihr, auf die sicher eintreffende Post von der Friedhofsverwaltung entsprechend zu reagieren?
Nur zögernd ließ man uns dann in Lilos Zimmer, noch zögerlicher gab man uns die Telefonnummer der Betreuerin, nicht ohne dauernd zu betonen, die würde auch nichts wissen. Noch zögerlicher eine Kassette, deren Inhalt ausgesprochen wichtig war, wozu der Schlüssel weg sei .. nun die ließ sich auch ohne knacken. Die wäre nicht bei uns gelandet, wenn wir nicht doch etwas penetrant gewesen wären.
In Lilos Schubladen fanden wir unsere und auch Bärbels Post, warum hat man uns nicht geschrieben, warum hat man sich nicht spätestens an uns gewendet, als man für Lilo eine fremde Betreuerin bestellt hat, die sich ja kaum um sie gekümmert zu haben scheint.
Als wir in ihrem Zimmer suchten, war zunächst ein anderer Pfleger bei uns, der mir viel zu genau erzählte, wie Lilo beim Ballspielen gestorben sei ... so detailliert, als ob er daneben gestanden hätte. Wäre schön, wenn es so wäre .. aber zu schön erzählt, als dass ich das auch glaube.
Im Büro meinte ich, ob nicht meine Briefe per Nachsendeantrag in dem Stift angekommen seien? Es hieß, sie wüßten nicht, ob Lilo einen Nachsendeantrag gestellt hätte. Ja wenn ein alter Mensch in so ein Stift geht, weil es wegen der Demenz alleine nicht mehr geht, sollte eine Hilfe nach dieser Monika Krohwinkel nicht beinhalten, dem alten Menschen zu helfen, wozu auch gehört, die Verwandten zu benachrichtigen, deren Post ins Leere geht oder sich um das Grab des Ehemannes zu kümmern, wenn offensichtlich genug Geld da ist, sich eventuell auch darum zu kümmern, dass diese Frau nicht irgendwo wie ein Hund begraben wird, sondern vielleicht in einer Urne direkt bei ihrem geliebten Mann, dessen Bild noch immer neben ihrem Bett stand? Oder mal den Sohn anzurufen, dessen Fotos überall verstreut in Schubladen liegen, der an der Wand hängt, dessen Spielsachen liebevoll auf einem Stuhl gestapelt in ihrem Zimmer stehen? Und dessen Telefonnummer sie mindestens 20 x auf zig Zetteln notiert und überall in ihrem Zimmer rum liegen hatte, mit dem Namen dabei .. und von dem sie auch erzählt hat, und war viel, wenn ich die Pflegekräfte richtig verstanden habe?
Bevor wir zurück zum Friedhof gingen, haben wir erstmal gefrühstückt und ich kam dabei immer mehr ins Grübeln, weil ich das Erfahrene begann zu verdauen, also geistig zu verdauen.
Erst als wir den Grabhügel ansehen gingen, wurde mir wirklich bewusst, dass Lilo ein Armenbegräbnis bekommen haben muss, denn an einigen Stellen dieser Wiese standen verstreut Blumensträuße oder Blumentöpfe, die sicherlich die Angehörigen dort hin gestellt haben. Wir haben versucht uns zu merken, wo ungefähr ihr Grab liegt, das bei unserem nächsten Besuch nicht mehr da sein wird.
Meine Mama, deren Beerdigung ich über das Sozialamt finanziert habe, wurde nicht verscharrt wie ein Hund.
Der Pfleger hat uns erzählt, dass eine von Lilos Freundinnen sie regelmäßig besucht hat. Auf ihrem AB waren 4 neue Gespräche verzeichnet. Ihre Freundin war nicht auf ihrer Beerdigung und wird nichtmal wissen, wo sie jetzt liegt und ich kenne ihren Namen nicht ..  habe allerdings ein Adressbuch gefunden. Wir werden das alles durchgehen und auch der Betreuerin auf den Zahn klopfen, ganz sicher werden wir das tun.
Wenn denn die Individualität in diesem Stift so wichtig ist, warum wusste die Freundin nichts von Lilos Tod? Sie wird verzweifelt versuchen anzurufen und wundert sich, dass keine ran geht, weil Lilo nicht beim Kaffeekränzchen war. Von ihren Kaffeekränzchen mit ihren Freundinnen hat Lilo uns ja früher auch oft erzählt.
Den Blick auf den Kaliberg mochtest Du doch immer, Lilo .. den hast Du mir auch gezeigt,als wir damals bei Jürgens Papa das Grab pflegen waren. Ruhe in Frieden, Lilo .. wir werden Dich auf andere Art ganz sicher nicht in Vergessenheit geraten lassen.

Renate







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