Montag, 24. Dezember 2012

59 Jahre Erinnerung an Weihnachten

Teil 1 - Frühe schöne Erinnerungen

Weihnachten, das Fest der Hoffnung, des Glaubens und der Liebe. Ich erlebe dieses Fest jetzt seit vielen Jahrzehnten, denn ich bin eine alte Frau geworden. Ich habe dieses Fest in einer Zeit nach den Krieg begonnen zu erleben, als die Menschen dabei waren, unser Land nach einem schrecklichen Krieg und nach einer schrecklichen Zeit der sozialen Kälte davor wieder aufzubauen.
Weihnachten war in meinen Augen lange wirklich ein Fest der Nähe und etwas, dem die meisten Menschen in meinem Umfeld mit Glück und Freunde entgegen sahen, aber vielleicht kam es mir auch nur so vor, weil ich mich in einem Umfeld befand, das keine Not kannte.
Ich sollte die Not kennenlernen und ich sollte ein Land kennenlernen, in dem soziale Kälte, Angst und Not heute an der Tagesordnung ist. Es ist ein Land, in dem oft mit voller Absicht mit dem Finger nach außen auf andere Länder gezeigt wird, um davon abzulenken, was soziale Kälte im eigenen Land bedeutet.
Zu Weihnachten erlebe ich seit vielen Jahren die soziale Kälte immer als noch viel eisiger als es im Rest des Jahres der Fall ist.
Vielleicht ist das so, weil Weihnachten ein Fest ist, das jeden Menschen daran erinnert, dass der Mensch ein soziales Wesen ist, das Teil einer Gemeinschaft sein möchte, der Mensch möchte lieben und geliebt werden und empfindet Ausgrenzung immer dann als besonders schlimm, wenn er an die Möglichkeit der Liebe erinnert wird, und das ist zu Weihnachten eben besonders oft der Fall.
Der Mensch möchte gern etwas Gutes tun, anderen eine Freude machen, aber das ist ganz ohne materielle Mittel in unserem Land eigentlich kaum möglich. Vielleicht ist Weihnachten deshalb für viele Menschen heute kein Fest der Liebe, sondern ein Fest der Trauer und des Unglücks geworden.
Für alle, die noch kämpfen, mag es auch nach wie vor ein Fest der Hoffnung darauf sein, dass die Menschen in diesem Land endlich die soziale Kälte überwinden werden, aufstehen und sich dagegen zur Wehr setzen, was man ihnen antut.
Die Narben aber, die Millionen von Menschen davon getragen haben, die werden bleiben, egal was kommt. Was man einmal erlebt hat, bleibt in Erinnerung, egal was danach passiert.
Als ich ein Kind war, erlebte ich Weihnachten als ein Fest der Liebe und Wärme. Ich kann mich nicht daran erinnern, viele Wünsche gehabt zu haben, die mir nicht erfüllt worden wären. Ich kann mich auch nicht daran erinnern, dass ich mich ungeliebt gefühlt hätte. Ich kann mich allerdings auch nicht an meinen Vater erinnern, den meine Mutter früher sehr geliebt und diese Zeit der Liebe bis zu ihrem Tod nie mehr vergessen hat. Wer weiß, wie sie Weihnachten wirklich erlebt haben mag, nachdem er nicht mehr bei uns war, aber sollte es sie traurig gemacht haben, hat sie mir das nie gezeigt.
Ja ... Winter, vielleicht war es um die Weihnachtszeit oder danach, denn der Pulliver, den mein Vater da trägt, wurde ihm von meiner Mama einmal als Weihnachtsgeschenk gestrickt, das hat sie erzählt, als ich begann, einen Pulli für Jürgen zu stricken, den ich leider nie fertig bekommen habe.

Als ich klein war, war Weihnachten ein Fest, an dem meine Mama an Heiligabend Kartoffelsalat mit Würstchen machte und meine Oma in unserem Kohleofen in einem speziellen Fach die Pfannkuchen aus Hefeteig aufgehen ließ, um sie später zu backen. Mit Opa ging ich vorher den Baum holen und half meiner Mama dabei, ihn dann zu schmücken. Oft kochte meine Oma an einem der Weihnachtstage eine Flugente, die wir von Tante Anita und Onkel Heinz bekamen, für die meine Mutter immer nähte. Ich erinnere mich nicht daran, dass ich keine Spielsachen bekommen hätte oder Hunger gehabt hätte, es wird nicht so gewesen sein. Nicht allen meinen Freundinnen ging es so gut wie mir als Einzelkind, verwöhnt von Mama, Oma und Opa in einem eigenen Haus mit Garten und behütet und umsorgt. Ich teilte gern mit ihnen, wenn ich von manchen Dingen zu viel hatte.
Eins der schönsten Geschenke, die ich einmal zu Weihnachten bekommen habe, war mein Hund Waldi, den mir mein Onkel Franz aus Joldelund am Weihnachtsfest nach meinem 10. Gebrurtstag im Jahr 1963 mitbrachte.
Meine früher beste Freundin Margrit und ich waren jahrelang ständig mit Waldi unterwegs.
Margrit hatte 5 Geschwister. Ich habe mir oft gewünscht, ich hätte auch so eine große Familie und habe deshalb später viele Kinder bekommen. Jahrelang habe ich geglaubt, diese Familie würde mir Halt und Wärme geben. Ich sollte mich irren. Sie haben offensichtlich nicht verstanden, wie viel sie mir bedeutet haben und wir sehr ich sie alle geliebt habe.
Früher haben wir mit Oma, Opa und meiner Mama oft Weihnachten mit Opas Lieblingsschwester Tante Grete aus Ostberlin gefeiert oder aber mit Omas Brüher Franz und seiner großen Familie aus Joldelund, der mir auch den Waldi damals mitbrachte.
An viele andere Verwandte habe ich, als meine Oma es nicht mehr konnte, jahrzehntelang noch immer viele Weihnachtskarten und Briefe geschrieben. Irgendwann habe ich sie alle aus den Augen verloren. Mein Leben war so ein Chaos geworden, dass ich die Kraft nicht mehr hatte, mich um alles zu kümmern, die ich als junge Frau noch gehabt habe. Die alten Leute im Alter meiner Großeltern können nicht mehr leben, andere im Alter meiner Mutter, die im letzten Jahr mit 91 Jahren starb, mögen noch irgendwo da sein, ich weiß es leider nicht.
Im Jahr 1969 habe ich zum erstenmal Weihnachten auch gemeinsam mit meinem späteren Ehemann gefeiert, mit dem ich Ende November davor eine feste Beziehung zu führen begonnen hatte. Ich glaube, dass ich uns in diesem Jahr orangerote Schlaghosen, ein dazu passendes Hemd in Weiß mit schwarzen Punkten und einen passenden Pullunder in rosa-orange gekauft habe, damit wir beide die gleiche Kleidung tragen könnten und wir unseren Eltern von uns ein Foto von uns beiden in diesem Outfit geschenkt haben. Das Foto, das meine Mutter bekommen hat, habe ich noch immer irgendwo hier in der Wohnung. Ich habe nur nach umserem Einzug hier nie mehr begonnen, die alten Bilder zu Ende an die Wand zu hängen. Irgendwie fehlt mir die Kraft dazu, meine Vergangenheit Tag für Tag nach wie vor an einer Wand anschauen zu können.
Damals war ich glücklich, denn ich hatte meine erste große Liebe gefunden, an der ich jahrzehntelang festgehalten habe. Ich glaube, er hat mich nicht geliebt, nur gebraucht, weil ich in der Lage war, mit der Hilfe meiner Mama gut für ihn und unsere späteren Kinder zu sorgen, aber nur so lange, wie ich auch genug Kraft dazu hatte, die mir später abhanden kam, weil alles zu viel für mich geworden war.
Wenn uns morgen mein jüngster Sohn zu Weihnachten besuchen wird, wird er mich wieder an seinen Vater erinnern, dem er so ähnlich sieht, aber so ist das nunmal. Es ist nicht möglich, einen Fehler, den man macht, später wieder auszulöschen und die Erinnerungen bleiben, und sei es im Aussehen der eigenen Kinder, die keine normale Mutter jemals nicht lieben wird, egal was passiert sein mag.

Im nächsten Teil werde ich Euch von Weihnachten mit den Kindern berichten, wie das war und an viele Details, an die ich mich noch erinnern kann.

Meine Mama und Weihnachten, das war Buttercremetorte und eine Frau, für die meine Kinder und meine Familie der Sinn ihres Lebens im Alter genauso war wie ich als Kind ihr Lebensinhalt gewesen bin. Das war ein Weihnachtsbaum ohne künstliche Kerzen und Ordnung um uns herum. Heute habe ich jeden Sinn für Ordnung und Dekoration verloren, alle die Dinge, die Harmonie in schöne Familienfeste zaubern.

LG
Renate





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