Dienstag, 9. April 2013

Mamas letztes Lebensjahr

Teil 1 - die ersten Monate nach ihrem Unfall

Im September 2010 stürzte meine Mama auf dem Flur und brach sich einen Oberschenkel. Es ist unbeschreiblich, wie viel Ärzte bei einer einfachen Behandlung wie dem Nageln eines glatten Bruchs und der Beaufsichtigung einer dementen alten Frau und auch bei der Vergabe von Medikamenten sowie dem Anlegen eines Katheters falsch machen können. Bei Mama ist so glaube ich alles falsch gemacht worden, was man falsch machen kann. Das noch einmal alles zu erklären, würde einen Roman abgeben. Seit dieser Erfahrung traue ich zumindest keinem Arzt mehr über den Weg.
Oben hatten Jürgen und ich Mama zum Röntgen angezogen, um zu erfahren, ob wir beginnen könnten, sie wieder auf ihre Beine zu stellen.
Hatte man ihr nicht in der Klinik einen Trümmerbruch beigebracht, so dass sie ein zweites Mal operiert werden musste. Wie, ich weiß es nicht, aber es muss sie doch einer haben fallen lassen, aus dem Bett fallen lassen, denn anders kann es ja nicht passiert sein, und ohne was zu sagen, wieder rein gelegt, denn keinem Arzt war es bekannt, bis ich Alarm schlug, als ich erfuhr, dass meine arme Mutter nächtelang um Hilfe geschrien hatte .. sicher vor Schmerzen.
Wochenlang konnte sie nur wie oben auf dem Bett sitzen und aus dem Fenster sehen. Jürgen und ich bewegten sie zu zweit und haben dafür von der Barmer Ersatzkasse bisher beide nicht einen Cent Rentenanteile für die Pflege der Stufe III bekommen, müssen erneut klagen, weil man uns zwar das Geld nachgezahlt hat, aber sogar mich einfach rententechnisch ausgesteuert hat .. muss also wieder Klage einreichen. Nun ja, das ist ein ander Ding, jetzt geht es um Mamas letztes Jahr, denn sie hat so gekämpft, wollte doch so gerne noch ein bisschen leben.
In der Weihnachtszeit habe ich Mamas Fenster dekoriert. Ansonsten war Blanka immer an ihrer Seite, die ihr in diesen schlimmen Monaten viel Trost gab.
In der Klinik hatten sie Mama durch verabreichte Opiate zum Ruhigstellen eine chronische Verstopfung und durch den Katheter um das Windeln zu vermeiden, eine Krampfblase. Sie hatte monatelang bei jedem Stuhlgang und wenn sie mal Pipi musste, schreckliche Schmerzen, aber irgendwie haben wir es mit Hilfe des Toilettenstuhls schließlich geschafft, dass für Mama schließlich wieder möglich wurde, ohne Schmerzen Kot und Urin loszuwerden.
Ich kann es bis heute nicht glauben, dass mir die Krankengymnastin sagte, das sei normal und würde vielen alten Menschen nach einem Klinikaufenthalt so gehen.
Weihnachten mit Mama. Jürgen und ich haben versucht, alleine ein wenig mit ihr zu feiern. Vanessa, Manuel und Esther blieben hart, kamen uns trotz meiner Bitte und Befürchtung, Mama würde bald sterben müssen, nicht besuchen. Marius kam etwas später, der hatte direkt an Weihnachten wegen des Studiums zu viel zu tun, hat Mama aber dann im Januar besucht.
Wir mussten monatelang auf den Treppensteiger warten, um Mama mit dem Rollstuhl aus unserer Sozialwohnung nach draußen zu transportieren, die Krankenkasse brauchte einfach so lange. Warum sowas so ist, keine Ahnung. Der Lichtmangel machte Mama schwer zu schaffen. Es war sehr schwer, damit klarzukommen, dass sie laufend um Hilfe schrie, sogar wenn wir bei ihr waren, schlimme Panikattacken bekommen hat, was vermutlich auf den Vitamin-D-Mangel und zu wenig Sonnenlicht zurückzuführen war. Nur am Fenster sitzen reicht eben nicht aus, damit man aufgrund des Lichtmangels nicht verrückt wird.
Tapfer übt Mama wieder zu stehen.
Mein Sohn Manuel war immerhin so gütig und schickte Mama und mir zu Weihnachten ein paar Fotos von sich und seinem Sohn Jarvin, den Mama persönlich nie hat kennenlernen dürfen und ich bisher auch nicht. Warum? Wir wissen das nicht. Meine Schwiegertochter brach ohne einen Grund zu nennen, als sie schwanger war, einfach den Kontakt ab.
Silvester -- wie immer Jürgen und ich mit Mama allein, was sonst? Wir haben versucht, es ihr irgendwie auch ohne den Rest der Familie schön zu machen.
Stallwechsel in Boksee ... der Stall, wo wir jahrelang waren und man uns angeblich gern hatte, schob uns plötzlich zum Nachbarn ab ... mit einem Riesenkrach, der in unseren Augen aus den Fingern gesogen war .. vermutlich weil man Angst hatte, wir können nicht mehr zahlen, wenn meine Mutter stirbt. Geld regiert die Welt und Freundschaft zeigt sich immer dann wirklich, wenn kein Geld mehr da ist.
In diesem Fall war es noch da, aber die Befürchtung natürlich nicht ungegründet, dass wir bald vor finanziellen Problemen stehen könnten, denn dass ich den Stall vom Pflegegeld bezahle, war ja bekannt.
Marius zu Besuch da .. nachträglich zu Weihnachten .. es gab noch einen nächsten Besuch von ihm, bevor meine Mutter starb. Als er sie das übernächste Mal sah, lag sie bereits kurz vor ihrem Tod im Koma.
Nun, an diesem Tag hat sie den Besuch ihres Enkels sicher noch genossen. Meine Mutter hat ihre Enkel und Urenkel alle immer sehr geliebt und sich über jedes Wort, und sei es am Telefon, immer so gefreut.
Der Treppensteiger war immer noch nicht da und Mama konnte nicht mit raus. Ich hatte damals bereits begonnen, täglich eine wütende e-mail an die Apotheke zu schicken und zu drohen, dass ich damit nicht aufhören würde, bis dieses Gerät endlich da sei .. es würde bis zum 1. April 11 dauern, bis es endlich geliefert wurde.
Marius hat noch versucht, professionelle Fotos von seiner Oma zu machen, hat ja eine richtig gute Kamera für das Studium.
Nach der 2. Röntgenuntersuchung Ende Januar 11 hatten wir das okay, das wir mit Mama laufen lernen durften. Sie war so tapfer beim Üben.
Das letzte Zusammentreffen von Marius und seiner Oma.
Als im März 2011 die ersten Blumen begannen zu blühen, war der Treppensteiger immer noch nicht geliefert worden. Ich attackierte weiterhin täglich die Krankenkasse und unsere unfähige Hausärztin.
Den Sonnenschein erahnte Mama nach wie vor nur durch das Fenster.
Es kam einem Aprilscherz gleich, als dann wirklich am 1. April 2011 Mamas Treppensteiger geliefert wurde und wir die erste Ausfahrt machten. Es war seltsam, meine Mutter sagte, es wäre schön, noch einen Sommer lang die Blumen anschauen zu dürfen und in die Sonne zu fahren, denn dieser wäre ihr letzter Sommer. Ich sagte, Mama Du wirst noch 100, aber sie meinte nein. Nun, sie hatte recht, aber sowas hört ein Kind natürlich nicht gern, Ich hoffe damals, sie würde noch wieder besser auf die Beine kommen.

Der psychische Zustand von Mama verbesserte sich übrigens sehr durch die Ausfahrten, ihre Panikattacken, das nächtliche Schreien wurde besser. Ich verstehe nicht, warum die Krankenkassen bei der Pflege alter Menschen Rollstuhlfahrten und Aufenthalte draußen nicht bezahlen, aber sie tun es nicht, obwohl es lebenswichtig wäre.
Ohne Jürgens Hilfe wären wir mit Mama sicher nicht aus dem Haus und wieder rein gekommen, denn diese uns als behindertengerechte Wohnung vermietete ist ganz sicher nicht behindertengerecht und für eine ältere Frau unmöglich, einen Pflegefall raus und rein zu bringen.
Was Mama dann weiter ab April 2011 noch mit uns in den letzten Monaten ihres Lebens erlebt hat, davon berichte ich Euch bald, in einem weiteren oder mehr Teilen.

LG
Renate









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